Zum Hauptinhalt springen

Tag der Wohnungslosigkeit am 11. September - wir waren am Infostand der Wohnungsnotfallhilfe am Maxplatz in Traunstein

Michaela Marx und Trudi Klapfenberger-Öttl

Mitten auf dem Maxplatz in Traunstein steht eine Coachgarnitur und die MitarbeiterInnen der Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis machen mit Flyern aufmerksam - darauf viele interessante Informationen.

Auffallend ist das Bild auf der Vorderseite - Zwei nackte Füße auf einer grauen Decke, daneben ein paar Habseligkeiten, ein Pappbecher, ein aufgeschlagenes Buch. Und ein handgeschriebenes Schild: „Fragen Sie doch einmal warum.“

Organisiert wurde das Ganze von der Fachstelle Wohnungsnotfallhilfe des Landkreises zum Internationalen Tag der wohnungslosen Menschen. 

Es schaut gemütlich aus und verleitet den Vorbeigehenden nicht zum Wegsehen und Davoneilen, so wie man das bei echten obdachlosen Menschen sehr oft tut. Stattdessen zwingt es zum Hinsehen. Zum Nachdenken. Zum Fragen: Warum?

Diese Frage stellt sich nicht irgendwo in einer weit entfernten Großstadt. Sie stellt sich hier, im Landkreis Traunstein, einer der reichsten Regionen der Bundesrepublik.

Wer glaubt, Wohnungslosigkeit sei nur ein Problem in den Großstädten, der irrt. Die Wohnungsnotfallhilfe schätzt, dass im Landkreis Traunstein derzeit rund 1.800 Menschen wohnungslos sind. Die wenigsten davon leben sichtbar auf der Straße. Viele Betroffene ziehen als Erwachsene wieder bei den Eltern ein, kommen vorübergehend bei Bekannten unter oder wohnen in unsicheren, prekären Verhältnissen. Auch wenn man diesen Menschen die Wohnungslosigkeit nicht ansieht, ist sie existentiell.

Und gleichzeitig steht eine andere Zahl daneben: Laut Zensus 2022 standen im Landkreis Traunstein 3.816 Wohnungen leer, davon 427 in der Stadt Traunstein. Wohnraum ist also nicht grundsätzlich nicht vorhanden, er wird nur nicht dorthin gelenkt, wo er tatsächlich gebraucht wird. Dieser Umstand wurde nicht durch eine Naturkatastrophe herbeigeführt, sondern durch eine politische Entscheidung, beziehungsweise durch das Fehlen einer Entscheidung.

Weitere Zahlen:

Wer in unserem Landkreis eine neue Wohnung sucht, zahlt bei Neuvermietung inzwischen im Schnitt über 12 Euro pro Quadratmeter. Für Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Menschen im Bürgergeldbezug oder in Rente ist das schlicht nicht mehr bezahlbar.

Der Ausweg, der früher zumindest teilweise funktioniert hat, bricht gerade weg: Seit 2015 ist die Zahl der Sozialwohnungen im Landkreis Traunstein von 1.519 auf 1.015 um ein Drittel gesunken. Die Vergabe von bezahlbarem, sozial gebundenem Wohnraum ist laut Wohnungsnotfallhilfe inzwischen nahezu zum Erliegen gekommen.

Dies spiegelt einen deutschlandweiten Trend wider: Nach dem „Sozialen Wohn-Monitor 2026“ fehlen bundesweit bis zu 1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen.

Wohnungslosigkeit ist kein individuelles Versagen

Wohnungslosigkeit kann laut Manuela Sträter von der Fachstelle Wohnungsnotfallhilfe grundsätzlich jeden treffen. Diese einschneidende Erfahrung bedeutet für die Betroffenen in der Regel eine existentielle Krise. Seit ihrem Bestehen im Jahr 2022 hat die Wohnungsnotfallhilfe im Landkreis Traunstein bereits weit über 1.000 Menschen unterstützt. Diese Zahl zeigt sehr genau: Es handelt sich nicht um einzelne Schicksale, sondern um ein strukturelles Problem.

Anders als häufig unterstellt, entstehen die Ursachen nicht etwa durch persönliches Fehlverhalten oder mangelnde Eigenverantwortung. Die Datenlage zeigt klar: Strukturelle Faktoren spielen eine zentrale Rolle. Auf dem Wohnungsmarkt gibt es ein unzureichendes Angebot an bezahlbarem Wohnraum, obwohl ausreichend Leerstand vorhanden ist. Auslöser für den Verlust der Wohnung sind häufig einzelne Ereignisse wie Jobverlust, Trennung, Mieterhöhungen oder eine Erkrankung. Theoretisch kann jeder Haushalt von einer stabilen Wohnsituation in den Wohnungsverlust rutschen.

Was jetzt zu tun ist

Die Fachstelle warnt vor einer weiteren Verschärfung der Situation, sollte sich beim Wohnungsbau und bei der Wohnungsvergabe in naher Zukunft nicht grundlegend etwas ändern. Daraus lassen sich mehrere politische Handlungsfelder ableiten: 
- Der Landkreis und die Gemeinden müssen eine Stärkere Rolle beim Neubau und Ankauf von Wohnraum spielen, um die Abhängigkeit vom freien Markt zu reduzieren.
- Im Landkreis muss über einen anderen Umgang mit Leerstand nachgedacht werden. Kommunale Instrumente, wie etwa eine Zweckentfremdungssatzung oder die aktive Ansprache von Eigentümerinnen und Eigentümern sollten umgehend umgesetzt werden
- Da die Zahl der Sozialwohnungen seit 2015 um ein Drittel gesunken ist, ist es wichtig, die Sozialbindung von Wohnraum langfristig zu erhalten und auszubauen. Dadurch würde man zusätzlichen sozialen Wohnraum sichern.
- Gemeinden sind gesetzlich dazu verpflichtet, von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen im Notfall unterzubringen. Die Umsetzung dieser Unterbringungspflicht muss in der Praxis verlässlich erfüllt werden. Dazu braucht es ausreichende personelle und finanzielle Mittel.
- Die Wohnungsnotfallhilfe zeigt, wie wichtig niedrigschwellige Beratungsangebote sind. Diese greifen da, wo aufgrund von Trennung oder Mietschulden der Verlust der Wohnung wird. Daher ist es wichtig, diese Strukturen mit mehr Personal und Mitteln zu versorgen.


Wir als Partei DIE LINKE. sind der Überzeugung, dass es dafür in Traunstein, in Bayern sowie bundesweit eine wohnungspolitische Kurskorrektur braucht, die Wohnen endlich als Grundrecht absichert. DRINGEND!

Zurück zum Kopf der Seite